Vareler Randnotizen #13/26

Gebäude sind mehr als nur umbauter Raum.

Aktuell stehen zwei Gebäude zur Disposition, die beide von der Handschrift des Vareler Architekten Heinrich Gerdes (1927 – 2023) geprägt wurden: das Tivoli und das Hallenbad. Beide Bauten stehen für eine Zeit, in der die Stadt Varel die Umbrüche und Modernisierungsschübe jener Zeit auf ihre Weise gestalten wollte. Beide Bauten sind nun aber nach all den Jahrzehnten in die Jahre gekommen und erzählen auf je ihre eigene Weise von der Geschichte dieser Stadt. Beide Häuser lassen heute noch die Ideen und Versprechen einer Sozialdemokratie der 70er Jahre erahnen, von der ironischerweise die Vareler SPD heute nichts mehr wissen möchte. Ginge es nach ihr, würde man die beiden alten Häuser lieber gestern als heute veräußern oder schlicht abreißen.

Beim zweiten Antragsverfahren für die Sanierung kommunaler Sportstätten mit dem Anliegen eines Hallenbad-Neubaus ist die Stadt Varel erneut gescheitert. Mit einer Pressemitteilung insistierte der noch amtierende Bürgermeister Gerd-Christian Wagner, dass man „durch eine vergleichende Untersuchung bereits nachgewiesen habe, dass ein Ersatzbau aus wirtschaftlicher Sicht gegenüber einer Sanierung des alten Hallenbades zu bevorzugen sei.“ Zudem habe man – so der Wortlaut – klare Signale aus der Bevölkerung und aus den Vereinen erhalten, die ein Hallenbad für Varel unverzichtbar erachten. Tatsächlich hatte sich der alte Stadtrat für das Antragsverfahren und für einen Neubau ausgesprochen. Einwände ignorierte man und wies konsequent darauf hin, dass eine Stadt wie Varel ein Hallenbad bräuchte, da Vereins- und Schulschwimmen sonst nicht zu gewährleisten wären. Statt zu sanieren wäre ein Neubau auf dem neuesten Stand einer nachhaltigen Energieversorgung alternativlos.

Hier zeichnet sich ein neues Muster alten Denkens ab: Mit dem Diktum der nachhaltigen Energieversorgung wird alles ohne Rücksicht auf historischen Bestand weggerissen und nach neuen Standards gebaut, um letztlich profitablen Investitionen und Bauprojekten den Weg zu ebnen.

Dieses Vorgehen im Bewusstsein, moralisch stets auf der Höhe der Zeit zu sein, erinnert stark an die Vorgehensweise, mit der man in den Jahren zwischen 1950 bis Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts die vom Krieg geschundenen Städte rigoros in die urbane Moderne transformieren wollte. Diese Vision manifestierte sich in Trabantenstädten, die nach Funktionssegmenten aufgeteilt per Auto schnell zu erreichen waren.

Die weitgehend vom Krieg verschonte Stadt Varel wurde durch die Durchgangsstraße B 437 und die Bauten des Architekten Heinrich Gerdes „nachhaltig“ gezeichnet. Gerdes entwarf das neue Rathaus, das Hallenbad, die Arngaster Schule und war auch 1975 für den Umbau des damaligen Allee-Hotels, heute Tivoli verantwortlich. Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass man das historisch gewachsene Stadtbild Varels z.B. an der Kreuzung Hindenburgstraße/Neue Straße, die damals dem Haus Ebole eine herausgehobene Stellung gab, so mutwillig zerstörte und man gleichzeitig so faszinierende Bauten schuf wie das Hallenbad. Das Bad hat mit einer sachlich ruhigen Dachkonstruktion, die in eine großzügige Glasfront übergeht, eine weiträumige Schwimmhalle, die wiederum einen öffentlichen Raum eröffnet, der damals in Varel mit seiner Größe und Offenheit seinesgleichen suchte.

Häuser sind in Stein formulierte Ideen der jeweiligen Zeit, in der man sie erbaut. Für nachfolgende Generationen ist es wichtig, sie als Zeugnisse der eigenen Stadtgeschichte zu verstehen und zu achten. Doch wie in den 60er und 70er Jahren scheint man heute historische Bauten mit ungebremstem Enthusiasmus der Moderne wegzureißen – nun wegen der Energieeffizienz oder wie in der Bahnhofstraße 39 wegen der Zuwegung für Wohnbauten im Rahmen der Nachverdichtung. Dass damit auch das Straßenbild in seinem Zusammenhang zerrissen wird, wird dabei – wie damals beim Bau der B 437 – billigend in Kauf genommen. Was das Vareler Hallenbad angeht, so beschreibt gerade dieser Bau eine Idee eines öffentlichen Ortes, in dem die Stadtgesellschaft im Freizeitvergnügen einander so offen wie ruhig und eben nicht in der robusten Dynamik eines Freibades begegnen konnte. Solche Bauten, die den Geist des Slogans „Mehr Demokratie wagen“ widerspiegeln, sollte man eher sanieren und nicht abreißen.