„In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ –
Wer die KI nach den Zahlen den evangelisch-lutherischen Gemeindemitgliedern in Varel, den Sterbefällen und den Kirchenaustritten fragt, bekommt beunruhigende Antworten. Die Stadt selbst bezifferte ihre Einwohnerzahl im Jahr 2025 auf 25.249. Die Vareler Kirchengemeinde umschreibt ihre Mitgliederzahl mit knapp 10.000 (vgl. EVA März – Juni 2025). Jeden Monat – so die KI – habe man ca. 18 Sterbefälle zu verzeichnen und um die 20 Austritte pro Monat. Rechnet man diese Zahlen hoch, dann wird es in 20 Jahren in Varel keine evangelisch-lutherische Kirchengemeinde in einer relevanten Größe mehr geben. Tatsächlich dokumentieren diese Daten relativ präzise den realen Sachverhalt.
In der Kirche zeichnet sich in einer sehr verdichteten und zugespitzten Form eine Entwicklung ab, die zur Herausforderung unserer ganzen Gesellschaft wird. Es greift zu kurz, wenn man die Kirchenaustritte allein auf die Missbrauchsskandale der letzten 16 Jahre zurückführt. Der Verlust an Glaubwürdigkeit und gesellschaftlicher Bedeutung der beiden christlichen Kirchen in der Bundesrepublik geht einher mit der Ohnmacht gegenüber den vielfachen Krisenmomenten wie dem rapide fortschreitenden Klimawandel, der kostenintensiven Energiewende, dem Verlust von Zukunftsperspektiven, Bedrohung durch Kriegsszenarien und einem grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch. Mit diesen Krisenmomenten geht zusehends auch die Selbstverständlichkeit eines christlichen Humanismus verloren, der konstitutiv für die Werte- und Machtvorstellungen des westlichen Denkens ist. Zweifellos kann man auch ohne christliches Glaubensbekenntnis human handeln, Gutes tun und konkret helfen. Das ist richtig und im Kern ist diese Haltung ermutigend. Aber es geht hier vor allem um den Vertrauensverlust in eine traditionelle Institution, die über Jahrhunderte in dieser Stadt maßgeblich im gesellschaftlichen Miteinander einen sozialen Konsens vermittelt hat. Dieser gesellschaftliche Konsens kommt zusehends abhanden und eben dieser Verlust wird mit dem „Abschmelzen“ der Kirchen drastisch veranschaulicht. Ein Vertrauensverlust, den auch andere Institutionen wahrnehmen müssen wie etwa die Gewerkschaften oder auch die demokratischen Parteien, die über Jahrzehnte die Geschicke dieser Republik mitgestaltet haben.
Nimmt man die aktuelle Krisensituation ernst, dann gilt auch heute das Wort von Friedrich Freiherr von Logau (1604–1655): „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Und im Gegensatz zu den Institutionen nehmen die Menschen vor Ort dieses komplexe Bündel von Krisen wirklich ernst – denn sie fürchten sich und haben Angst. Aus Angst aber vertrauen sie denen, die sie verraten und missbrauchen. Wer Vertrauen schaffen will, muss die Ängste dieser Menschen ernst nehmen, d.h. nicht die Ressentiments bedienen, sondern das Leben bezahlbar machen und den Enkeln eine Zukunft zurückgeben. Das heißt konkrete Aufgaben angehen und Experimente eines anderen Miteinanders möglich machen. Ermutigungen, die durch gemeinsames Handeln erfahrbar werden, getragen von einer belastbaren Hoffnung. Konkret: Menschen zu ermutigen, den Krisen mit Menschenwitz und Glauben an eine Zukunft gemeinsam zu trotzen. Einen Glauben und all die Hoffnungen, die weiter tragen als die zynischen Visionen der Tech-Milliardäre.
Die evangelische Kirche sollte sich nicht von den Austritten erschüttern lassen, sondern viel mehr etwas Neues bauen, in dem die Menschen ihre Angst aus der Hand geben können, um an dem Neuen mitzubauen.