Wir müssen reden ….
Einander zuhören, miteinander reden und für die Demokratie zusammenstehen sind die Forderungen der Zeit. Eine renommierte Wochenzeitung hat sogar 2017 dafür ein entsprechendes Format entwickelt, das kontinuierlich fortgeschrieben wird. Damit einhergehend wurden Bürgerräte initiiert, so auch einmal in Varel. Die Beteiligten waren überrascht, wie eigenverantwortlich und konstruktiv miteinander über das Tivoli und die Bedarfe verschiedener Veranstaltungsorte für die jeweiligen Adressatengruppen gesprochen wurde. Doch als die Ergebnisse nicht den Erwartungen der regierenden Mehrheitsgruppe SPD/CDU entsprachen, hat man sich vor Ort von diesem Experiment schnell wieder verabschiedet. Konsequent haben sich auch im aktuellen Wahlkampf die Akteure mittels digitaler Reels auf die Präsenz in den sozialen Medien konzentriert. Herkömmliche Gesprächsformate wie öffentliche Diskussionsabende zu lokalen Themen blieben dagegen weit hinter den Erwartungen und Möglichkeiten.
Unabhängig von dieser Entwicklung bleibt die Notwendigkeit des gemeinsamen Gespräches und des Gedankenaustauschs direkt vor Ort. Doch dem kontroversen Dialog begegnet man in Varel eher unter Vorbehalt. Obgleich in Varel viele Orte und Räume angeboten werden (z.B. Börse der Ideen, Forum Alte Kirche), scheint es so, als ob man dem Verhandeln gegensätzlicher Perspektiven eher aus dem Weg geht. Das Gespräch als Ausweg wird zwar eingefordert und im Kern sieht man auch, dass es dazu keine substantielle Alternative bei der Suche nach Verständigung gibt, dennoch scheint sich bei den einen ein Bedürfnis nach Eindeutigkeit und Härte und bei den anderen eine Haltung der inneren Emigration und Resignation immer mehr in den Vordergrund zu schieben.
Ermutigende Momente wie etwa der Filmabend im kleinen Vareler Kino Tivolini am vergangenen Donnerstag (03.10.2026) zeigen aber, dass jenseits der Slogans tatsächlich eine Gesprächskultur gepflegt wird.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Wir stehen zusammen“ wurde der Film „Fahrenheit 451“ von Francois Truffaut (GB 1966) gezeigt. Dieses kleine Kino, dass neben der OBS Varel vor allem auch von dem Filmforum Varel e.V. realisiert wird, ist zur Zeit einer der lebendigsten Orte des offenen Dialogs. An diesem Abend wurde nach dem Film über die Gefahren für die Demokratie auf eine Weise gesprochen, wie sie vor Ort viel zu selten erlebt werden kann. Die Demokratie – so war der Eindruck – scheint von den modernen Techniken, die immer mehr unseren Alltag definieren, fundamental in Frage gestellt zu werden. Algorithmen manifestieren zusehends die bestehenden Ressentiments in einer alles beherrschenden Totalität und die Unterhaltungsindustrie blendet jede Alternative zu dieser Totalität konsequent aus. In Bradburys „Fahrenheit 451“ scheint die Autonomie der Fantasie und die Unabhängigkeit des Wissens nur weiter tradiert werden zu können, indem Menschen,die Bücher und das Wissen auswendig lernen und sie den Jüngeren gegenüber mündlich weitergeben. Bücher überleben, in dem sie mit diesen Menschen gleich Pflanzen fast naturhaft weiter existieren können und nicht verbrannt werden, wie es in der gleichgeschalteten Gesellschaft der Fall ist. Diese radikale Utopie veranschaulicht, dass Populismus eher ein Symptom und weniger die Gefahr selbst ist. Angesichts der neuen Techniken (KI), die sich in ihren allumfassenden Möglichkeiten ja erst andeuten, muss sich die Demokratie weiter entwickeln. Allein das Beharren auf die Formen und Errungenschaften des 19. und 20. Jahrhunderts wird diese Gefahr nicht bannen können. Und so war man sich an diesem Abend zumindest einig, dass sich nur die Beziehung zu konkreten Menschen in der direkten Begegnung mit dem lebendigen Blick des jeweils anderen, der Macht der Tech-Konzerne und anderer Interessengruppen entziehen kann. Es ist zum einen die Empathie gegenüber einem konkreten Menschen, die dem Mainstream widersteht und zum anderen auch gleichzeitig die Sehnsucht, die uns immer wieder daran erinnert, dass die digitale Welt keine sinnlichen Bedürfnisse real befriedigen kann. Unsere Körper und Sinne bleiben letztlich immer analog.
In dem Gespräch über Kunst werden sinnliche Bedürfnisse anschaulich und können artikuliert werden. Diese Anschaulichkeit mit eigenen Worten zu begreifen ist nicht nur eine umsichtige Form der Geselligkeit, sondern schlicht auch eine Emanzipation des eigenen Denkens und Verstehens.
Solche Orte wie das Tivolini gilt es wie kleine, aber kunstvolle Gärten behutsam zu pflegen. Orte der Kunst entwickeln sich wie Rhizome: Sie sprießen an unvermuteten Orten und genau dort sollte man sie auch umsichtig kultivieren.
Das eher simple Verständnis der hiesigen Parteien, man könne mit einem Tivoli 2.0 irgendwo eine andere Halle nach modernsten Standards bauen und die Akteure umsiedeln, um das alte Tivoli als Immobilie abzustoßen, zeigt nur, wie wenig diese Menschen von der Dynamik der Kunst verstehen – und dass man bisher im aktuellen Wahlkampf kein Wort über die Kulturarbeit und die Kunstförderung in der Kommune geäußert hat, ist ein bezeichnendes Defizit.
Für viele in Varel, so scheint es, ist Kunst vor allem Spaß oder soll dem Aufhübschen der Innenstadt dienen. In Zeiten klammer Kassen soll sie eben ehrenamtlich von denen geleistet werden, die nicht auf sie verzichten können. Dass aber Kunst Freude und ein inniges Erleben eröffnen kann, wird nur die bestreiten, die eine lebendige Innenstadt auf den derben Spaß von Karaoke (laut Wagner eine „riesen Erfolgsgeschichte“) und einem bizarren „Schlossgarten“-Event reduzieren möchten. Ein solches Verständnis von Kunst verödet das verständige Miteinander vor Ort und beraubt der Stadt die eigene Zukunftsfähigkeit.