Vareler Randnotizen #10/26

Warum vielleicht die Parteien im Vareler Wahlkampf auf eine offene Diskussion verzichten.

Anfang September 2016 fand in der Oberschule Obenstrohe anlässlich des Kommunalwahlkampfes eine Podiumsdiskussion mit VertreterInnen der verschiedenen Parteien statt. Auf dem Podium saßen Cordula Breitenfeld und Alexander Westerman als unabhängige Kandidaten, Timo Onken für die Linke, Sigrid Busch für Bündnis 90/Die Grünen, Jost Etzold für die FDP, Hergen Eilers für die CDU, Jürgen Bruns für die SPD und Karl.Heinz Funke für die Wählergemeinschaft Zukunft Varel. Eine Woche zuvor fand eine ähnliche Veranstaltung in der Oberschule Varel statt. 2021 wurde auf dieses Gesprächsformat und nur das Zwiegespräch zwischen dem amtierenden Bürgermeister Wagner und seinem Herausforderer Torsten Tschigor im Netz präsentiert. Dies war wahrscheinlich dem Umstand der Maßnahmen gegen die Pandemie geschuldet, die das öffentliche Leben massiv eingeschränkt hatten.

2026 aber ist nichts von einer Podiumsdiskussion zwischen den Parteien zu lesen oder zu hören. Alle scheinen sich mit dem Gespräch zwischen Gesche Wittkowski und Gerd-Christian Wagner am 12. August zu begnügen. Die Parteien drucken lokale Programme und stehen in den Straßen der Innenstadt oder anderen markanten Orten und suchen den Talk mit ihrer jeweiligen Klientel. Inhaltliche Kontroverse zwischen den Parteien wie etwa auf einem Podium findet aber in der Öffentlichkeit auch dieses Mal nicht statt.

Während auf Instagram, Facebook oder anderen social media-Kanälen so bizarre wie bemühte Videoclips zum Besten gegeben werden, bleibt das inhaltliche Profil der jeweiligen Parteien weitgehend ohne ernsthafte Konturen. Es macht wenig Sinn, darüber zu klagen.

Interessanter ist m.E., dass in den vergangenen zehn Jahren sich scheinbar etwas grundlegend in der politischen Kultur verändert hat. Vielleicht ist es hilfreich, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, dass 2011 Facebook Marktführer im Bereich social media geworden war. Instagram war, nach dem Zuckerburg Instagram gekauft hatte, erst 2012 im Google App-Store erhältlich war. Die Medienrezeption veränderte sich rasant schnell und der Wahlerfolg von Trump 2016 wurde u.a. auch auf die Präsenz der Clips in den social media-Kanälen zurückgeführt. Von all dem war aber in Varel noch nicht wirklich etwas real zu spüren. Lediglich Alexander Westerman nutze diese Plattformen schon sehr früh sehr exzessiv – und zeitweise auch sehr erfolgreich. Seitdem hat sich nicht nur das Medienverhalten grundlegend verändert, sondern auch unsere Weise der inhaltlichen Kommunikation.

War früher eine Distanz zum Gegenstand der Auseinandersetzung notwendig, um es ihn betrachten und einschätzen zu können, fokussiert man sich nun auf einen Like, ein Emoji als Reaktion, allein um der Gewissheit willen, wahrgenommen worden zu sein. Eine Kommunikation, die vor allem Aufmerksamkeit generieren will und den Content nur dazu braucht, um Follower zu binden, kann sich keine kritische Auseinandersetzung mehr leisten. Inhaltliche Auseinandersetzung sind anstrengend und Anstrengung ist der Quotenkiller der Aufmerksamkeit, die inzwischen auf die 21 Sekunden (durchschnittliche Länge) von TikTok-Reels abgerichtet ist.

All das sind banale Fakten, aber entscheidend ist, dass sie unser Verstehen von politischem Diskurs radikal verändert haben. Dass niemand eine Podiumsdiskussion der Parteien einfordert oder gar realisiert, ist ein Ausdruck dieser Veränderung. In einer Kommunikation, in der nur Zustimmung relevant ist, kann man noch soviel über „Brücken bauen“, „Zuhören“, „nicht spalten“ und „gesellschaftlichen Zusammenhalt“ in die Kamera sprechen, doch das Medium selbst ist schon das Instrument, das die Kluft schafft und die Ignoranz zum Maßstab macht. Und es ist nicht ohne Ironie, dass diejenigen, die anderen gerne Populismus zum Vorwurf machen, diesen gerade mit den neuen Medien selbst bedienen – will sagen; weniger inhaltliches Verstehen oder Nachvollziehen und Widerlegen durch Argumente als vielmehr moralische Haltungen, denen man nur zustimmen oder sie nur ablehnen kann. So aber funktioniert nicht die Idee einer bürgerlichen Öffentlichkeit und eben dieses Dilemma wird auch daran deutlich, dass keine der Parteien, keine Zeitung und auch keine bürgerschaftliche Gruppe wie etwa „900 Jahre – 900 Bäume“ eine solche Podiumsdiskussion gefordert und gar dazu eingeladen hätte. Stattdessen zeigt man sich die einen im uniformen Team-Dress beim lokalen Hospizlauf oder die anderen in lockerer Laube beim Bingo-Abend im „Schloßgarten“ – nicht zuletzt, um entsprechende Bilder in den Kanälen auch posten zu können.

All das ist den Parteien und Gruppen nicht wirklich vorzuwerfen, reagieren sie doch vor allem auf Entwicklungen, denen sie nicht weniger ausgesetzt sind als alle – egal ob WählerInnen und KonsumentInnen. Nur ist so eine Demokratie nicht wirklich zu leben. Eine Podiumsdiskussion wäre zumindest für einen Moment die Gelegenheit, in dem sich zeigen könnte, dass inhaltliche Positionen auch mit konkreten Personen zu identifizieren sind und diese sich jenseits der KI-generierten Phrasen auch artikulieren und überzeugen können.