Vareler Randnotizen #7/26

Mit dem Ehrenamt zunehmend die kommunale Aufgaben gewährleisten

In Varel – aber auch andernorts – scheinen immer mehr öffentliche Angebote auf die Unterstützung durch ehrenamtliches Engagement notwendig angewiesen zu sein. In einigen Bereichen, insbesondere im Zusammenhang der Integrationsarbeit, aber auch zunehmend in der Bildungsarbeit, sind diese Angebote nur durch ehrenamtliches Engagement überhaupt zu gewährleisten.

Dieser Sachverhalt korrespondiert gleichzeitig mit den jüngst vorgeschlagenen Kürzungen in der Jugend- und Eingliederungshilfe von über 8,6 Milliarden Euro, die eine Arbeitsgruppe aus Bund, Ländern und Kommunen (u.a. auch das Land Niedersachsen) entwickelt hat. Diese Kürzungen sind nur ein Beispiel, denn die chronische Unterfinanzierung des Kulturbereiches im ländlichen Raum wird ebenfalls fortgeschrieben bzw. sogar noch zugespitzt.

Kurz und knapp gesagt: während allerorten das ehrenamtliche Engagement in Sonntagsreden seine Wertschätzung erfährt, zieht sich zeitgleich die öffentliche Hand zunehmend aus der sozialen Verantwortung und den entsprechenden Verpflichtungen zurück. War es ursprünglich einmal so, dass Bürger auf Bedarfe aufmerksam machten und durch Eigeninitiative in Vorleistung gingen, so dass bei Erfolg die öffentliche Hand Institutionen und Projekte durch Förderung unterstützte, so kehrt man diesen Prozess nun in einer bizarren Weise um. Kommunen streichen Gelder, weil die kommunalen Kassen immer weniger Spielraum für soziokulturelle Bereiche haben. Alles, was über die sogenannte Daseinsfürsorge hinausgeht, wird an die Stadtgesellschaft delegiert – und selbst die Daseinsfürsorge wird, wie sich am Beispiel der medizinischen Versorgung im Landkreis Friesland abzeichnet, nicht mehr zufriedenstellend gewährleistet.

Wenn das Land nun auch in der Jugend- und Eingliederungshilfe massiv kürzt, dann wird man auch hier verstärkt auf ehrenamtliches Engagement setzen, Ausfälle soweit als möglich abzufedern. Das Dilemma im schulischen Ganztagsangebot vermittelt schon einen Eindruck, was auf die Stadtgesellschaft zukommen wird.

Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch, dass die kommunalen Haushalte über die geleisteten Stunden im Ehrenamt keine Bilanzen haben. Es sind Arbeitsleistungen, die in Anspruch genommen werden, aber in keinem Haushalt verbucht sind und somit das wirkliche Leistungsvermögen einer Kommune verzerren – vergleichbar mit einer Familie, in der die Arbeit im Haushalt irgendwie „nebenbei“ mitläuft und als Ressource scheinbar auch immer wie selbstverständlich zur Verfügung steht.

Das dürfte sich aber schon in absehbarer Zeit als Irrtum herausstellen, denn die „Boomer“-Generation ist zur Zeit in vielen Bereichen das Rückgrat des ehrenamtlichen Engagements im Sozialbereich. Viele Vereine beklagen einen Mangel an Mitgliedern, die sich der Vorstandsarbeit bzw. der Vereinskoordinierung widmen oder sich als ÜbungsleiterIn engagieren. Das gilt in den Bereichen des Sports, der Kulturarbeit, des Naturschutzes, in der Jugendarbeit, bei den Wohlfahrtsverbänden wie der AWO, bei unterstützenden Schulangeboten und bei den Kirchen. Ohne Zweifel gibt es aktuell auch gelungene Beispiele wie etwa in Varel die Kinder- und Jugendarbeit des Karnevalsvereins oder die Betreuung der Jugendfeuerwehr Obenstrohe, doch das täuscht nicht über die oben skizzierte Situation hinweg: Der Rückzug der öffentlichen Hand bei gleichzeitig verstärkter Inanspruchnahme des ehrenamtlichen Engagements ist keine Perspektive, um auf das Dilemma der öffentlichen Finanzen zu reagieren. Wird ehrenamtliches Engagement nicht durch professionelle Rahmenstrukturen unterstützt und finanziert, dann wird es sich auf Dauer an seinem eigenen Tun auszehren und erschöpfen. Zurück bleibt eine Frustration aller Beteiligten, die aber nicht die Konsequenz für dieses Engagement sein sollte. Vereinsarbeit und Ehrenamt sind Formen der Teilhabe und müssen auch angemessen finanziert werden. Es ist bezeichnend, dass Varel dies dem Agenda-Büro und der Barthel-Stiftung überlässt, doch sich selbst keinen oder keine KulturkoordinatorIn leistet. Frustration ist als Einzelfall eher irrelevant, aber sie wird für eine Stadtgesellschaft toxisch, wenn sie zu einer allgemeinen Erfahrung wird.