Vareler Randnotizen #9/26

Heimat ist selten Glück –

Heimat wird hierzulande nicht selten mit dem dänischen Hygge identifiziert, also einem Gefühl des Wohlbefindens, dem sorgenfreien Moment in angenehmer Geselligkeit an einem vertrauten Ort, der diesem Lebensgefühl entspricht. Für viele Menschen in dieser Region ist ein solcher Ort dann das alte Kurhaus in Dangast, ein Spaziergang am Mühlenteich oder ein Blick auf das Watt am Vareler Hafen. Doch um es gleich zu sagen: Wer den Begriff Heimat verstehen möchte, sollte sich mit den gerade beschriebenen Momenten nicht allzu lange aufhalten.

Die Vorstellungen von Heimat und das Verstehen einer solchen ist kompliziert und in den vergangenen Jahren waren es vor allem Frauen, die das Fingerspitzengefühl hatten, darüber jenseits der Klischees zu erzählen. Als herausragende Beispiele wären hier das Buch „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck und der Film „In die Sonne schauen“ (D 2025) von Mascha Schilinski zu nennen. Diese Erzählungen haben im Zentrum den Ort und weniger die jeweils handelnden Personen. Es ist der Ort, der anscheinend ein Band zwischen den Personen knüpft und in dieser Willkür einen fragilen Zusammenhang konstituiert.

Es sind Frauen, die davon erzählen und sich dabei in intelligentester Weise den zwanghaften Sinnlinien des konventionellen Erzählens entziehen. Die scheinbare Kontinuität eines Ortes, in denen Gemeinschaften ihr Alltagsleben bewältigen und oft Kinder und Jugendliche erst zaghaft das Leben zu entdecken beginnen, gibt eine fast sinnliche Idee von Beständigkeit, nach der sich viele Seelen sehnen. Sich verorten zu können, Räume zu entdecken, in ihnen die Welt der Erwachsenen auszuloten und die eigene Rolle in dieser seltsam fremden Welt wahrzunehmen, sind die Momente, in denen sich im Einzelnen eine Vorstellung von Heimat zusammenfügt und zu einem Gefühl geradezu verdickt. Dazu gehören aber auch die Nischen, in denen man sich den Blicken der anderen entziehen und eigene Räume für sich alleine ersinnen kann. Kleine Winkel, die gegenüber der rigorosen Wirklichkeit ein Fenster zur eigenen Sehnsucht eröffnen. Gerade in der Welt der Erwachsenen, die zu aller erst auch immer die der Familie ist, wird die Zärtlichkeit des Lebens ebenso wie die brutale Gewalt hautnah ausgelebt.

Heimat ist immer auch die hässliche Wunde und die tiefsitzende Angst, die in einem steckt und die man noch aus Kindertagen in sich spürt. Heimat ist unter der Oberfläche das Unverstandene, das in einem weiterlebt und einen beharrlich immer wieder an etwas glauben lassen will, was man nur als Kind meinte erahnen zu können. Heimat ist auch das Unheimliche.

Wie im Märchen nehmen einem die Dornen des Rosenstocks das Augenlicht, weil man nicht begreift, dass es auf den richtigen Ort zum richtigen Moment ankommt, wenn man das Glück erhaschen will. Märchen wissen darum: Zu Hause, wie im Märchen, wachsen die Rosen am Fuß des Turms, doch das Begehren ignoriert sie und dann sind sie es, die einem das Augenlicht nehmen. Die Erlösung von dieser Blindheit findet sich erst fern von der Heimat, sofern die Liebe von einst lebendig bleibt. Wer von der Heimat spricht, beschreibt Erzählungen, die so dicht und verwachsen sind wie das Unterholz eines vergessenen Rosenstocks. Wer anderes meint, verwechselt Heimat mit Idyllen oder den Klischees der Touristik, weshalb auch kaum ein Satz deutlicher das Missverständnis von Heimat zum Ausdruck bringt als die gedankenlose Phrase in der Region, dass man dort wohne, wo andere Urlaub machen.

Ein Urlaubsort ist weder Glück noch Heimat, sondern nur eine Heterotopie, die, je gelungener sie einem erscheint, nur umso deutlicher zeigt, dass man im falschen Leben lebt. Die Heimat aber ist keine Heterotopie, sondern sind die Erfahrungen, die sich einem im eigenen Körper unter die Haut eingeschrieben haben – seltener als Glück, öfter als vernarbtes Leid. Aber wer davon zu erzählen versteht, ist der Heimat so nah wie man ihr als Erwachsener überhaupt nur kommen kann.