Vareler Randnotizen #15/26

Nicht nur anders, sondern auch besser. – Am 16.10.2026 hatte das Stück „Dat kole Grusen“ unter der Regie von Frank Wittkowski im Tivoli seine Premiere. Damit hat die Niederdeutsche Bühne Varel ein Experiment gewagt, was für dieses Theaterensemble Neuland ist, denn den letzten Versuch in diese Richtung wagte man in Varel 2019 mit der „Moorkatenoper“. Danach setzte man wieder konsequent auf Schwänke der bekannten Art. Nun hat Wittkowski einen neuen Anlauf genommen und das Stück „I’ll be back before Midnight“ des kanadischen Autors Peter Colley neu inszeniert (übersetzt und bearbeitet von Florian Battermann. ins Plattdeutsche von Heino Buerhoop 2019 übertragen). Die Handlung sei hier nur angedeutet: Dirk (Jan-Hendrik Siefkes) bringt seine Frau Jana (Annika Veith), die gerade aus einem Klinikaufenthalt entlassen wurde, in ein Landhaus, in dem sie sich erholen soll und er seinen archäologischen Forschungen nachgehen kann. Die junge Frau fühlt sich aber weder wohl an diesem abgeschiedenen Ort, noch scheint sie psychisch so stabil zu sein, dass sie den Alltag auf dem Lande bewältigen könnte. Der benachbarte Bauer Georg (Harald Kaminski) bereichert die Situation mit Spukgeschichten von immer wiederkehrenden Blutflecken und alten Messern. Als dann auch noch Laura (Kerstin Reseky), die Schwester von Dirk, erscheint, ist für Jana klar, dass auf diesem Ort kein Segen liegt. Was im ersten Teil mit den bekannten Döntjes der niederdeutschen Bühnen beginnt und zeitweise mit einer etwas langatmigen Entfaltung der schwierigen Beziehungen zwischen Laura, Dirk und Jana skizziert wird, entwickelt sich im zweiten Teil zu einem rasanten Drama, in dem die schauspielerischen Darstellungen verblüffen und zeitweise in ihrem Exzess auch schockieren. Hier wird man für die oft allzu simplen Witze des Peter Colley aus dem ersten Teil entschädigt. Das Stück gewinnt an Geschwindigkeit und überrascht mit Wendungen, in denen die Schauspieler in ihrem Spiel überraschen und überzeugen. Die Lichttechnik und das Sounddesign von Mauriz Müller, Timo Bauer, Arne Laßen, Tim Müller, Andre Jodanow und Yannick Leo geben den psychischen Angstzuständen von Jana einen audiovisuellen Raum, der in seiner Anschaulichkeit beeindruckt. Das ausgeklügelte Bühnenbild, entworfen von Frank Wittkowski, gibt den seelischen Krisen der jungen Frau den Rahmen, wobei der Effekt der abgeschrägten Bühne weit weniger die emotionale Schieflage wiedergibt, als man hätte meinen können.

Im Subtext zeigt das Stück einige Widersprüche, die irritieren. Weshalb spricht Jana plattdeutsch, wenn sie offensichtlich aus der Stadt kommt und sich selbst als „Stadtmenschen“ bezeichnet? Weshalb spricht der Archäologe Dirk plattdeutsch, wenn er offensichtlich an Universitäten studiert hat, in denen Plattdeutsch bekanntlich nicht die Umgangssprache ist? Es ist, als hätte der Übersetzer der Textvorlage den Vorgeschichten der handelnden Personen wenig Aufmerksamkeit geschenkt und somit das Spannungsverhältnis zwischen Menschen aus der Stadt und den Geschichten vom Land kaum ausgelotet, um sich allein auf den Thrill der Handlung zu konzentrieren. Hier hätte man sich von Frank Wittkowski vielleicht mehr Eigensinn, Freiraum und Sorgfalt wünschen können. Doch welche Intensität er die Crew dieses Stückes hat entfalten lassen, drängt all diese Fragen in den Hintergrund. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Niederdeutsche Bühne Varel nun mehr solcher Stücke wagt und präsentieren wird. Das Premierenpublikum war auf jeden Fall von diesem Theaterabend überzeugt und begeistert.

Das Stück „Dat kole Grusen“ wird noch an folgenden Terminen im Tivoli, Windallee 21, gegeben:

So., den 18.10. um 15:30 Uhr

Fr., den 23.10. um 20:00 Uhr

So., den 25.10. um 20:00 Uhr

Di., den 27.10. um 20:00 Uhr

Fr., den 30.10. um 20:00 Uhr

So., den 01.11. um 15:30 Uhr

Fr., den 06.11. um 20:00 Uhr

So., den 08.11. um 20:00 Uhr