Einer der Initiatoren des Vareler Lesegartens, Helmut Wahmhoff, sagte auf die Frage hin, wie er das Projekt kurz zusammenfassen würde, es sei ein urbaner Garten, eine Oase der Muße und gleichzeitig ein Kulturzentrum im Open-Air-Modus, aber eben nur temporär für einen Monat. Damit hat er sehr präzise die zentralen Aspekte dieses Projekts skizziert. Die Resonanz der Bürger:innen war ungewöhnlich gut, wohlwollend und ermutigend. Viele hielten ein solches Vorhaben in einer Stadt wie Varel für unmöglich, die meisten konnten sich lange nichts Konkretes unter dem Titel „Vareler Lesegarten“ vorstellen und so manche Stimme befürchtete hohe Kosten und jugendlichen Vandalismus. Vereinzelte monierten auch den Verlust von Parkplätzen. In dem Moment aber, in dem die Pflanzen geliefert und gesetzt wurden und der Garten in seiner ganzen Anlage begann, sich vor den Augen der Vareler:innen anschaulich abzuzeichnen und eine konkrete Kontur gewann, wechselte die Skepsis um in Staunen, freudige Erwartung und Begeisterung. Durch die sichere Hand und das geübte Gefühl für Proportion von Johannes Klawon, einem jungen und engagierten Gärtnermeister aus Varel/Altjührden, zeigte sich schon im Aufbau, dass dieser Garten im Zentrum der Stadt tatsächlich ein ungewöhnlicher Ort werden würde. Viele Vareler:innen haben es der Gruppe „Kunst & Grün“ gedankt, dass sie in den sonnigen August- und Septembertagen 2024 einen solchen ruhigen Ort der Erholung, der Gespräche und anregenden Veranstaltungen erleben konnten. Bei genauer Betrachtung müssen wir aber auch konstatieren, dass diese positive Resonanz vor allem in bestimmten Spektren geäußert wurde. Es waren zum einen bildungs- und kulturaffine Menschen, die der Alterskohorte der sogenannten Baby Boomer zuzuordnen sind, und zum anderen junge urbane Menschen, die eher einem kreativ-akademischen Milieu zugerechnet werden dürfen.
Positiv überraschend – und das muss hier ausdrücklich erwähnt werden – war auch die zaghafte, aber stetige Annäherung von Jugendlichen und Menschen mit Migrationsgeschichten, die den Garten im Laufe dieser wenigen Wochen für sich entdeckten. Die Mehrheit der Vareler:innen blieb aber entweder fern oder schaute nur vom Eingangsbereich aus in den Lesegarten hinein, um ihn „einmal gesehen zu haben.“ Trotz eines beeindruckenden Zuspruchs vieler Besucher:innen und einer erfolgreichen Akzeptanz dieses Lesegartens, müssen wir konstatieren, dass sich bei einem Zeitraum von mehr als vier Wochen die Zahl der Nutzer:innen proportional gegenüber den 25.000 Einwohner:innen der Stadt eher gering verhielt. Ein gewichtiger Grund dafür könnte die Dominanz der sogenannten traditionellen Mittelklasse sein, die die Mehrheit der Vareler Stadtbevölkerung darstellt. Mit dieser Gruppe werden Facharbeiter, Angestellte u.a. bezeichnet, die ökonomisch relativ sicher aufgestellt sind und deren Lebensentwürfe sich mit überschaubaren Zielvorstellungen und Linien beschreiben lassen. Bildung wird lediglich als Ausbildung bzw. als Investement für bessere berufliche Chancen begriffen und Kunst ist nur in soweit relevant, wie sie zur Unterhaltung dient oder als „weicher Standortfaktor“ Vorteile schafft. Vor diesem Hintergrund wird es auch verständlich, weshalb die Stadt Varel, obwohl sie als Mittelzentrum und Industriestadt des Landkreis Friesland bezeichnet wird, weder eine Akademie noch Institute, die im Umfeld der benachbarten Universitäten eingebunden sind, vorweisen kann. Dementsprechend kann man bei Varel nur bedingt von einem urbanen Lebensumfeld sprechen. Varel wird also trotz seiner industriellen Wirtschaftsleistung deutlich von traditionellen, ländlich-kleinbürgerlichen Lebensverhältnissen und -vorstellungen geprägt. Dieses traditionelle Milieu sehnt sich nach Stabilität, Kontinuität und idyllengleicher Überschaubarkeit. Gleichzeitig ist der Lebensstil auch eine permanente Selbstreferenz, die diese Sehnsucht als soziale Wirklichkeit bestätigt. In Zeiten des Umbruchs sind das relevante Momente, die nicht zu unterschätzen oder vorschnell zu disqualifizieren sind. Die Zurückhaltung vieler Vareler:innen gegenüber dem Lesegarten, der zudem noch auf Kosten von Parkplätzen realisiert wurde, war hier weniger als ein politisches Statement zu verstehen, sondern schlicht als ein überkommenes Desinteresse an Ideen und Vorhaben, die Kontinuitäten in Frage stellen könnten. Tatsächlich zeigen sich aber auch hier die gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen wie etwa zum einen die zunehmenden kulturellen Diversitäten und zum anderen die Abwanderung junger Menschen, da andernorts die Aufenthalts- und Lebensqualität sowie die Optionen für weiterführende Bildungsangebote oder schlicht die Kulturangebote besser und dynamischer sind. Wer sich nicht wie in Varel allein auf die Lebensentwürfe der traditionellen Mittelklasse fixieren will, der oder die mag vielleicht in Varel arbeiten, aber vorzugsweise in Oldenburg leben. Umgekehrt werden diejenigen, die ein Eigenheim mit einem eigenen Garten ihr Eigen nennen und womöglich in einem anderen Ortsteil wohnen, also dem ehemaligen Varel-Land, die Innenstadt meist nur als Einkaufsgelegenheit, nicht aber als Aufenthaltsort wahrnehmen. So zeigt sich dementsprechend auch der unterschwellige, aber doch markante Gegensatz zwischen der traditionellen und der eher künstlerischen, akademischen Mittelklasse im ländlichen Raum. Es war beispielsweise keine Überraschung, dass rein zahlenmäßig das Weinfest und der Backtortenwettbewerb mit der TV-Moderatorin Enie van de Meiklokjes stärker besucht waren als die jeweiligen Einzelveranstaltungen des Lesegartens. Die Selbstvergewisserung der eigenen Relevanz durch das beherzte Feiern mit Süßem und Hochprozentigem entspricht weit mehr den Bedürfnissen der Menschen in dieser eben ländlich-kleinbürgerlichen Region als die Erfahrung der emanzipativen Selbstwirksamkeit durch die Teilhabe in der Gestaltung öffentlicher Räume. Das Projekt Vareler Lesegarten wollte jedoch weniger die Selbstvergewisserung bedienen als vielmehr einen Freiraum für Gespräche eröffnen, in dem gemeinsam die Fragen und Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte erörtert und beschrieben werden sollten. Anders gesagt: Es sollte weniger lautstark eine Identität behauptet und bestätigt werden als vielmehr in einem Umfeld der Ruhe und Muße die Idee für ein anderes, besseres und enkeltaugliches Varel beschrieben und erfahrbar werden. Fragen des Klimawandels, der sozialen Gerechtigkeit, der außerschulischen Jugendarbeit und der Kulturarbeit wurden in diesem Garten mit kompetenten Gesprächspartner:innen erörtert, vor allem aber immer wieder Lesungen mit Autor:innen aus der Region und den Stimmen der Menschen vor Ort ……. Hier sei besonders erwähnt die von Anne Mentzen initiierte Lesung von Texten, die Menschen mit einem anderen kulturellen und historischen Hintergrund in ihrer jeweiligen Muttersprache vorgestellt haben. Emotional war dies wohl die bewegendste Veranstaltung, denn viele Teilnehmer:innen hatten hier erstmals die Gelegenheit, den Vareler:innen etwas von sich zu zeigen, was über die gängigen Klischees der Diversität hinausging und ausgesprochen persönlich war. Insgesamt zeigten gerade die Veranstaltungen im Lesegarten, wie sehr auch kleinere Orte wie Varel soziokulturelle Begegnungsstätten brauchen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt jenseits des Karnevals und der herkömmlichen Stadtfeste zu gewährleisten. Dabei geht es nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern vielmehr sollten die künstlerisch kreativen Veranstaltungen und Gespräche die Menschen einbinden, die bisher in der Stadtgesellschaft ohne eigene Stimme geblieben sind und jenseits des exotischen Ressentiments eine eigene Geschichte in Varel zu erzählen haben. Ein halbes Jahr später haben zwei Mitarbeiter:innen der Stadtverwaltung in ehrenamtlichem Engagement die Gruppe „900 Jahre – 900 Bäume“ initiiert, in der nun zusammen mit anderen Vareler Bürger:innen im innerstädtischen Bereich zahlreiche Bäume gepflanzt werden sollen. Es ist ein wichtiger Impuls, dass die Idee einer Begrünung des Stadtgebiets mit dieser neuen Gruppe „900 Jahre – 900 Bäume“ aktiv fortgeschrieben wird. Dennoch muss konstatiert werden, dass sowohl seitens der örtlichen Parteien als auch der Stadtverwaltung die Impulse des Lesegartenprojekts während der Projektphase ignoriert oder bestenfalls kritisch beobachtet wurden. Weder entwickeln die Entscheidungsträger:innen der Stadt Varel eine überzeugende Konzeption für die verbliebenen innerstädtischen Grünanlagen im Sinne einer gemeinnützigen und ökologischen Nutzung, noch werden die kulturellen Veranstaltungsreihen des Lesegartens konsequent verstetigt. Die Ideen zur Gestaltung eines Stadtgartens oder die schon vorhandenen Planskizzen für einen innerstädtischen Bürgerpark im Innenstadtbereich werden aufgrund von kommunalpolitischer Engherzigkeit nicht erörtert. Ein Sachverhalt, den sich diese Stadt angesichts ihrer Perspektiven gar nicht leisten kann. Das Gleiche gilt für die Kulturarbeit. Ebensowenig wie man ein Verständnis für Gartenarchitektur hat, hat man ein solches für das kommunale Kulturmanagement. Obwohl Räumlichkeiten vor Ort und temporär auch von Theatergruppen und anderen Kulturgruppen genutzt werden, verweigert man eine institutionelle Förderung für den örtlichen Kunstverein oder Kulturgruppen, von den Möglichkeiten der Selbstorganisation von Migrant:innengruppen ganz zu schweigen. Dieses Defizit ist leider ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt Varel, denn andere Kommunen in der Umgebung wissen um die Tragkraft der kulturellen Bildungsarbeit und der Kunstförderung, insbesondere mit Blick auf den sozialen Zusammenhalt einer Stadtgesellschaft. Sie fördern Kulturhäuser oder soziokulturelle Zentren, um nicht den Anschluss im gesellschaftlichen Transformationsprozess zu verpassen. Vor dem Hintergrund dieser schwierigen Situation war der Vareler Lesegarten ein überzeugendes und gelungenes Leuchturmprojekt, das vielen Varler:innen wie ein utopischer Ort erschien und von ihnen nicht vergessen werden wird. Es wird diese glückliche Erinnerung sein, die irgendwann diesen Garten von anderer Hand und anderen Menschen wieder neu und ganz konkret erblühen lassen wird.