Vareler Randnotizen #4/26

Zwischen Sehnsucht und Ohnmacht – Von der Ratlosigkeit in der Provinz

Dieses Mal geht es im Wahlkampf um’s Bürgermeisteramt und die Stadtratsmandate wieder um Entscheidendes: Das war auch 2021 der Tenor, doch vor fünf Jahren war zeitgleich eine Bundestagswahl. Jetzt geht es wieder um Entscheidendes, doch dieses Mal, so mein Eindruck, dominiert eine Art Ratlosigkeit in der Region, grundlegende Erschütterungen sind in der Provinz angekommen: Die Krankenhausreform hinterlässt in einem wirren Gemenge von hausgemachten Fehlern eine massive Beschädigung, sowohl bei der realen Versorgung als auch im Vertrauen der Bürger:innen. Die Inflation verunsichert immer mehr Menschen in ihren Lebensentwürfen, die Widersprüche im Bildungssystem (immer mehr Schulabgänger ohne Abschluss, immer mehr Abiturient:innen mit hervorragenden Abschlussnoten bei gleichzeitigem spürbaren Mangel an Fachkräften) und die Überlastungen öffentlicher Strukturen sind für alle wahrnehmbar. Über allem drohen die Szenarien der Kriegsgefahr und des Klimawandels.

Das „System“ ist vulnerabel geworden – und es ist für jeden unmittelbar vor Ort sichtbar. Da nimmt es nicht Wunder, dass Menschen auf eine fiktive Normalität der 80er Jahre insistieren und eine scheinbare Idylle verklären, die sich zwischen „Schwarzwald-Klinik“, VW-Golf und der Sorgenfreiheit einer Kreuzfahrt bewegt. Bündnis 90/Die Grünen in Varel haben für diese Sehnsucht kein Gefühl und fokussieren sich vor allem auf die (reale) Gefahr der reaktionären Parteien, die die Demokratie mit den Mitteln der Demokratie grundlegend bedrohen. Die Vareler SPD hat zwar ein Gefühl, aber weder das Profil noch die intellektuelle Perspektive, auf die aktuellen Veränderungen plausibel zu reagieren. In dem Debakel mit dem St.-Johannes-Hospital und der Gefährdung der medizinischen Versorgung verdichtet sich somit eine massive Enttäuschung der Menschen gegenüber einer Landes- und Kreisregierung bzw. deren Parteien, denen man 2021 das Vertrauen geschenkt hatte. Wie sehr die politisch Verantwortlichen nicht mehr der eigenen Bevölkerung trauen, zeigte sich dann auch anschaulich in der Informationsveranstaltung am 13.04.2026 in der Weberei. Dort ließ man die Bürger:innen nur in Form von einigen wenigen, ausgesuchten und eher irrelevanten Fragen zu Wort kommen.

Der fragwürdigen Sehnsucht nach einer scheinbar stabilen Welt der 80er Jahre können die demokratischen Kräfte von DIE PARTEI und Die LINKE über SPD und Bündnis 90/Die Grünen bis zur CDU und Zukunft Varel nur dann wirksam entgegentreten, wenn sie eine überzeugende Idee von einer zukunftsfähigen Stadt beschreiben – und die Enttäuschungen und Verunsicherungen der Vareler:innen auch tatsächlich Ernst nehmen würden. Reale Bürgerbeteiligung in regelmäßigen Bürgerräten und deren Empfehlungen auch umzusetzen und nicht einfach umzuinterpretieren, wären reale Rekultivierungsmaßnahmen des politischen Vertrauens. Simple Versprechen wie günstige Wohnungen, neue Baugebiete, eine weitere Stadtsanierung und Behauptungen, wie etwa dass Varel für Jugendliche attraktiv sei, klingen da eher wie eine erschöpfte Politik, die nicht mehr an sich selbst glaubt.