Vareler Randnotizen #5/24

Neues aus dem Projekt „Küstengeschichten“

Der Riese vom Rapelsberg ist eine Legende aus Varel, die den meisten Varelern unbekannt sein dürfte. Es wurde erzählt, dass zur der Zeit, als man auf der Wapel noch bis nach Conneforde mit dem Schiff fahren konnte, in einem geheimen Versteck ein Riese die Umgebung in Angst und Schrecken versetzte. Er überfiel die Kaufleute und die Menschen in der Umgebung, stahl ihnen alles, nahm sie gefangen und verschleppte sie in seine Höhle, in der er sie tötete und aß. Eines Tages nahm er ein Mädchen gefangen. Da es ihm gefiel, ließ er es leben. Das Mädchen musste ihm zu Diensten sein. Im Laufe der Zeit gebar die Gefangene ihm mehrere Kinder, die er aber immer wieder aufaß. Darüber fiel sie in tiefe Schwermut, so dass er ihr sagte, sie solle nach Varel unter Menschen gehen, doch müsse sie ihm schwören, nicht von seinem Versteck zu erzählen und noch am selben Tage zurückzukehren. In Varel kamen die Menschen gerade aus der Kirche als sie die junge Frau entdeckten. Sie erzählte von ihrem Unglück und bat um einen Krug voller Erbsen. Dann ging sie und legte mit den Erbsen eine Spur ihres Weges. Die Vareler riefen zu den Waffen und folgten dieser Spur. Vor der Höhle machten sie sich bereit. Sie kochten einen Kessel mit heißem Wasser und als der Riese den Stein vor seiner Höhle beiseite schob und heraustrat, schütteten sie ihm das kochende Wasser ins Gesicht, so dass sie ihn erschlagen konnten. In seiner Höhle fanden sie unermessliche Reichtümer und zahllose Knochen und Totenschädel. – Wie viele Legenden (vgl. die Sage vom Minsener Seewiefken oder den Deichbau am Steinhausersiel) aus dieser Region ist auch diese von einer drastischen Brutalität. Heute ist der Rapelsberg gemäß des § 29 Bundesnaturschutzgesetz ein Geschützter Landschaftsbestandteil (GLB) in der Nähe von Neuenwege, konkret seit 2011 das GLB FRI 00036. Orte, die lange durch Aberglauben geschützt wurden, blieben über Jahrhunderte erhalten und konnten in der jüngsten Vergangenheit durch Gesetze unter Schutz gestellt werden. Umgekehrt heißt das aber auch, dass mit diesem Schutz in einer säkularen und aufgeklärten Gegenwart unbeabsichtigt auch der Aberglaube präsent bleibt. Eingekapselt wie die Fliege aus längst vergangenen Zeiten in einem Bernstein. Das Verspeisen der Kinder erinnert an den Mythos vom Titanen Kronos, der seine Kinder aufisst und dessen Sohn Zeus nur deswegen überlebte, weil die Göttin Rhea ihn verbirgt und statt seiner dem Kronos einen in Tüchern eingewickelten Stein gibt, den dieser gierig verschlingt. Gleichzeitig aber mahnt die Geschichte auch die Gewalttätigkeit an, die in Form von Raub, Mord und sexuellem Missbrauch wütet. Bemerkenswert ist, dass in der Legende diese Gewalt jenseits der Stadt, aber in unmittelbarer Nähe zu ihr verortet wird, so als wäre die zivilisierte Stadtgesellschaft ein Schutzraum. Ein Sachverhalt, der zu denken gibt, denn was man nach außen projiziert, bleibt immer in der Nähe des eigenen Blicks. Die mit dem Rapelsberg bei Neuenwege im Landschaftsschutzgebiet eingekapselte Legende sollte uns auch heute eine Mahnung bleiben, denn darüber nachzudenken bleibt auch für uns heute eine immer wiederkehrende Herausforderung. Wer Zivilisation und urbanes Leben aber nur auf ein Mehr an Warenverkehr, Wohlstand, Wissen, individuellen Erfolg und Möglichkeiten reduziert, wird sich schneller in der Höhle des Rabelsberg wieder finden, als er meinen möchte. Und wenn er kein Räuber ist, so hilft ihm nur die List der Verzweiflung aus dem Elend. Auch wenn es sich nur um eine Legende handelt, die sich wie ein Gleichnis lesen lässt, so zeigt sich ein Moment des Unheimlichen, wenn in Varel selbst diese lokale Legende nicht mehr bekannt ist.