Vareler Randnotizen #1/26

Was sind die Schwerpunkte im Ganztagsangebot?

Ab dem 1. August 2026 haben alle Erstklässlerinnen und Erstklässler in Niedersachsen Anspruch auf täglich acht Stunden Unterricht und Betreuung in der Schule. Damit soll eine Betreuungslücke geschlossen werden, die nach der Kita-Zeit für viele Familien entsteht“, so am 01.09.2023 die amtierende Kultusministerin Julia Willie Hamburg von Niedersachsen.

Seitdem ist auch in Varel das Ganztagsangebot für die hiesigen Grundschulen ein ambitioniertes Thema. Dafür wurden die Hafenschule umfangreich erneuert und die Grundschule in Langendamm mit einer neuen Mensa ausgestattet. Doch wie schon zu Beginn der Diskussion abzusehen war, zeichnet sich ein Problem bei der personellen Unterrichtsbetreuung ab. Das Land Niedersachsen, was zuständig ist für Bildungsangelegenheiten, kann nicht genug Lehrkräfte bereitstellen und somit müssen ehrenamtliche Kräfte vor Ort diese Lücke füllen. Auf breiter Basis werden Vereine und Initiativen gefragt, ob und wie sie sich hier mit ihren Kompetenzen einbringen wollen und können. Dabei zeichnen sich verschiedene Fragen ab, wie etwa, welche Schwerpunkte man hier setzen möchte und wer diese Kräfte begleitet und pädagogisch fortbildet? Was sind die konkreten Bedarfe aus Sicht der jeweiligen Schulleitungen und was die Kompetenzen der einzubindenden Kräfte?

Zudem wird deutlich, dass die Schulen zunehmend mehr leisten müssen als die reine Wissensvermittlung und die Vermittlung sogenannter Sekundärtugenden. Das liegt auch auf der Hand, denn das Ganztagsangebot dient dazu, dass mehr Menschen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen sollen und nicht rigoros zwischen Familie und Beruf sich für ein Entweder-oder entscheiden müssen. Wer nun aber beides leisten muss, ist auf absehbarer Zeit überbelastet. Die zwangsläufigen Defizite in der Erziehung müssen dann im Kindergarten und der Grundschule aufgefangen werden. Dazu bedarf es wiederum Konzepte und Fachkräfte, an denen es aber zu fehlen scheint.

Ohne dass dieser circulus vitiosus in der Verwaltung oder in den Ausschüssen offen erörtert wird, arbeitet die Stadtverwaltung intensiv an einer Koordinierung der verschiedenen Akteure, doch in den Jahren 2023/2024 wurde viel Zeit vertan, weil man sich allein auf die Baumaßnahmen fokussiert hat.

Das Dilemma zeigt sich aber an anderer Stelle: Die Stadtverwaltung zieht sich immer mehr aus öffentlichen Förderung der Kulturarbeit heraus, ist aber gleichzeitig zunehmend auf Menschen angewiesen, die sich für kulturelle Bildungsarbeit engagieren. Erst allmählich begreift man diesen Zusammenhang und will man den Ganztagsangebot vor Ort nicht weitgehend allein den Sportvereinen überlassen, so muss man diesen Widerspruch zeitnah auflösen.

Ein Kommentar

  1. Ein Leser wies darauf hin, dass beim Thema Ganztag oft aus dem Blick gerät, dass es hier um Kinder in der Altersgruppe 6 – 12, insbesondere im diesem Jahr nur um die Sechsjährigen ginge. In dieser Altersgruppe ist der Aspekt der Bindung ausgesprochen wichtig. Er schrieb, dass Thema beachtet werden muss. „Die Kinder müssen sich in dem Angebot auch wohlfühlen können. Dadurch dass man das an die Vereine auslagert, fehlt die Bindung (Bezugsperson) der Kinder. Die Grundschullehrer:innen übernehmen diese wichtige Aufgabe im Alltag ganz beiläufig. Das ist eine nicht zu vernachlässigende Aufgabe. Aber sie trägt massiv dazu bei, dass sich die Kinder in der Schule wohlfühlen. Mit der Auslagerung an die Vereine übernehmen „Unbekannte“ sicherlich häufiger wechselnde Personen die Betreuung, was sicherlich auch bei den Eltern nicht immer ein positives Gefühl auslöst.“ Diesem Votum stimme ich zu, denn Kontinuität und pädagogische Vorkenntnisse bei externen Kräften im Ganztagsbereich sind gerade für die ersten beiden Klassenjahrgänge von zentraler Bedeutung, um Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit und Neugier zu finden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert