Vareler Randnotizen #8/26

Die Kunst ist die Nymphe der Gegenwart –

Im Dangaster Weltnaturerbeportal findet sich seit 2015 an der offenen Konstruktion zwischen Foyer und Dachgeschoss eine wenig beachtete Skulptur. Sie zeigt die „Nixe in Wellenlandschaft“ von Gisela Eufe. Diese Figur verwundert ein wenig, da sie keinerlei Bezug zu lokalen Erzählungen hat und sie allenfalls mit dem Minsener Seewifke in einen Zusammenhang gebracht werde könnte. Das aber dürfte in ihrer Bedeutung der Dangaster Kurverwaltung völlig fern gelegen haben und ist doch das Wangerland im Bereich der Touristik eher ein Konkurrent der Region. Vielleicht ist daher der Grund banal – etwa in der Weise, dass man mit dem Werk der Worpsweder Künstlerin zum Jahr der Eröffnung dieses umstrittenen Strandportals an die Gemeinsamkeit der beiden Orte Dangast und Worpswede als Künstlerorte anspielen wollte.

Betrachtet man aber die Figur genauer, dann hat sie es in sich und die ungelenke Präsentation in dem Haus am Dangaster Deich lässt einen vermuten, dass die Vareler und Dangaster zwar nicht um die Drohung wissen, aber sie irgendwie doch erahnen.

Kleist berichtet 1811 in seinen Berliner Abendblättern einige Notizen über Fabelwesen wie Nixen und sogenannte Sirenen. Kleist berichtet davon just in dem Jahr, als Friedrich de la Motte Fouqué seine Erzählung der Undine veröffentlicht. Eine der Anekdoten, die Kleist erwähnt, beschreibt er mit folgenden Worten: „Nach einem wütigen Sturm im Jahr 1740, der die holländischen Dämme von Westfriesland durchbrochen hatte, fand man auf den Wiesen eine sogenannte Sirene im Wasser. Man brachte sie nach Haarlem, kleidete sie und lehrte sie spinnen. Sie nahm gewöhnliche Speise zu sich und lebte einige Jahre. Sprechen lernte sie nicht, ihre Töne glichen dem Ächzen eines Sterbenden. Immer zeigte sie den stärksten Trieb zum Wasser.“ Der Unterschied zu der vom Minsener Seewiefken fällt unmittelbar auf. Während die Minsener das Meereswesen fangen, wird es in Holland auf den überspülten Wiesen gefunden. Dort versucht man es zu integrieren in dem man es „zivilisiert“ und in Minsen misshandelt man es, um ihm ein Geheimnis zu entlocken. Das Seewiefke rettet sich durch Flucht und verflucht den Ort mit einem Sturm, dessen Fluten das Dorf und die Wiesen verschlang. Aber mit der Erzählung aus dem 15. Jahrhundert von der Wasserfrau aus Westenschouwen (Zeeland) gibt es auch einen Mythos, der sehr an den von Minsen erinnert. Eine Meeresfrau wird von Fischern der wohlhabenden Stadt Westenschouwen gefangen und verspottet. Ein Wassermann bittet flehentlich um die Rückgabe der Frau, weil sie ein Geschöpf des Meeres sei und sie nicht an Land leben könne. Die Fischer verwehren die Bitte und an Land stirbt die gefangene Meeresfrau elendig. Der Wassermann erfährt von ihrem Tod und verflucht den Ort , der daraufhin bis auf den Turm von den Fluten verschlungen wird („Het land van Saefthinghe / Westenschouwen zal vergaan, alleen zijn torens zullen blijven staan.“).

Die „Nixe in Wellenlandschaft“ hält mit einem Lächeln ein Papierschiff in ihren Händen. Das Schiff erinnert ohne Zweifel an die Aktion Anatol Herzfeld zur documenta 6 von 1977, bei der er mit dem „Traumschiff Olga“ vom Jadebusen über die Weser und Fulda nach Kassel teilnahm. Er fuhr vom Jadebusen über die Weser und Fulda bis nach Kassel, wo auf dem Freigelände der Karlswiese vor der Orangerie das überproportionale Faltschiff präsentiert wurde. Auch wenn sich nunmehr die Vareler und Dangaster gerne mit den Kunstwerken von einst schmücken, von dem Eigensinn der Künstler wie Anatol, Rosner-Kasowski oder Grenzer wollen sie verschont sein. Es sind aber Wassermänner und Nixen, die – wenn man sie nicht wertschätzt – den Ort sich selbst überlassen, der dann an der eigenen Hybris zugrunde geht.

Auf den Orkney-Inseln erzählt man sich, dass Seehunde die Seelenträger ertrunkener Seeleute wären. Diese Idee wird heute noch gelegentlich erzählt wie etwa in den Filmen „Ondine“ (IE 2009) oder etwas klüger in „Outrun“ (GB 2024). Da Seehunde im Jadebusen zahlreich sind und gelegentlich auch im Dangaster Hafen oder im Vareler Tief ihren Kopf aus dem Wasser stecken, dürfte uns diese Vorstellung eigentlich näher sein.